Wilhelm Schüchter - GMD 1963-1975

Der autoritären Persönlichkeit Wilhelm Schüchters ist es zu verdanken, dass das Dortmunder Orchester unter seiner Leitung einen deutlichen Qualitätssprung erlebte. Die Höherstufung von 75 auf 96 Musikern zu einem A-Orchester hatte positive Auswirkungen sowohl auf das Dortmunder Konzertwesen, wie auch das Musiktheater.

© Theater Dortmund - Horst Maack, Berlin

1911 in Bonn geboren, verschlug es Schüchter zunächst zum Studium nach Köln, später als Dirigent nach Coburg, Würzburg, Aachen, Berlin, Hamburg und zu Gastdirigaten in die Hauptstädte Europas. Unmittelbar vor seiner Berufung nach Dortmund war Schüchter Chefdirigent des Radio-Sinfonie-Orchesters NHK Tokio, mit dem er auch in den Musikmetropolen der Welt gastierte.

Schon in seiner ersten Konzertsaison (1963/64) gelang es Schüchter mit seinen zehn philharmonischen Konzerten, die Kleine Westfalenhalle stets voll zu besetzen. Der Erfolg des „Städtischen Orchesters“ wurde mit seinem neuen Titel „Philharmonisches Orchester der Stadt Dortmund“ honoriert. Als Glücksgriff für das Dortmunder Musikleben gefeiert, widmete sich Schüchter auch, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, intensiv dem Musiktheater. Doch das unerbittliche Streben nach höchstmöglicher Qualität des „musikalischen Zuchtmeisters“ wurde schnell Anlass interner Spannungen. Nach einem kleinen Opern-Skandal blieb Schüchters Programmplanung mit der klassisch-romantischen Sinfonie eher traditionell. Viel Anerkennung erfuhr das Orchester von prominenten Gastdirigenten und Solisten, die Schüchter für seine Konzerte nach Dortmund verpflichten konnte; zahlreiche Gastauftritte, wie auch Schallplatten-Einspielungen im In- und Ausland unterstreichen den Erfolg des Orchesters.

Der Bau des Großen Hauses für die Oper führte 1966 zum endgültigen Bruch zwischen Generalintendant Dr. Schaffner und Wilhelm Schüchter, der fortan auch Intendant des neuen Musiktheaters wurde. Die Eröffnung des Großen Hauses mit Richard Strauss’ „Rosenkavalier“  am 3. März 1966 wurde zum besonderen Glanzpunkt der Dortmunder Orchester- und Bühnengeschichte; nicht zuletzt weil Schüchter für die Premiere viel internationale Sängerprominenz  - u.a. Elisabeth Grümmer, Kurt Böhme, Anneliese Rothenberger – gewinnen konnte. Zunächst zogen auch die Jugendkonzerte ins Große Haus ein, später dann auch die zehn Philharmonischen Konzert als Doppelabende, da die Kleine Westfalenhalle mit ihren 1800 Plätzen die Besucherzahlen nicht mehr stemmen konnte.

Schüchter hatte neue Maßstäbe im Konzert und auch in der Oper gesetzt und konnte diese in den folgenden Jahren als „Alleinherrscher“ über Musiker und Sänger halten. Für alle Opernerfolge, vor allem aber seine Wagner- und Richard Strauss-Pflege, bildete das Orchester stets das gediegene Fundament für Sängersolisten und Opernchor, ebenso für die vielen anderen Opern-, Operetten- und Musical-Produktionen des Musiktheater-Repertoires.

Schüchter hatte in seiner Zeit als GMD immer wieder mit städtischen Sparmaßnahmen und drohenden Kürzungen, gar Schließung des Musiktheaters, zu kämpfen. Im Frühsommer 1972 kam es zu einem bundesweit aufsehenerregenden Skandal, als der städtische Kulturdezernent Dr. Alfons Spielhoff die Empfehlung aussprach, das Musiktheater zu schließen und das Philharmonische Orchester auf ein musikalisches Mehrzweckensemble zu halbieren. Schüchters unermüdlichen Engagement und dem solidarischen Protest aller Theaterangehörigen war es zu verdanken, dass dieser Kahlschlag abgewendet werden und die Krisenjahre 1972 bis ’74 glimpflich durchstanden werden konnten. Der Zuschauerzulauf nahm sogar noch zu; für die philharmonischen Konzerte waren außerhalb der Abos kaum noch Plätze verfügbar. Doch die Erfolgswelle nahm ein tragisches Ende: durch Komplikationen nach einer Knie-Operation verstarb Wilhelm Schüchter am 27. Mai 1974. Aus der deutschen Musikwelt erreichten Stadt, Theater und Orchester zahlreiche Beileidsbekundungen, in der gesamten Presse wurden Nachrufe veröffentlicht, die Schüchters Lebenswerk, im Besonderen seine Dortmunder Jahre, würdigten.

(Text von Thomas Rink und Jennifer Woda, aus: Heimat Dortmund, Stadtgeschichte in Bildern und Berichten - 125 Jahre Dortmunder Philharmoniker)